Als ich 16 Jahre alt war, fuhr ich mit meiner damals 14jährigen Freundin auf ein 2tägiges
Folk-Festival in
Villingen-Schwenningen. Es war das erste mehrtägige Festival, auf das meine Freundin mitdurfte, und die Eltern erlaubten das auch nur, weil ihr älterer Bruder auch dabei war.
Wie damals in den späten Siebzigern leider üblich, war das Festival, das in einer geschlossenen Halle stattfand, völlig überverkauft, d.h. es wurden verantwortungslos viele Eintrittskarten verkauft, die Halle war total überfüllt und man musste über 1,5 Stunden anstehen, wenn man aus der Halle raus oder auch nur auf die Toilette wollte. Die Luft war nicht zum Atmen, und es sind reihenweise Leute mit Kreislaufkollaps zusammengebrochen, bevor sie überhaupt
Zupfgeigenhansel zu sehen bekamen.
Zu dem allem hatten die Veranstalter noch eine fiese
Rockergang aus der Gegend als Ordner eingestellt, und man konnte froh sein, wenn man am Ein- oder Ausgang nur geschubst wurde, viele bekamen erstmal (zur Vorbeugung?) eins auf die Rübe, wenn sie am Ordner vorbeiwollten, ein junges
Hippiemädchen, das vor mir in der kilometerlangen Schlange am Eingang stand, wurde, als sie sich über die miese Organisation mokierte, an den Haaren aus der Menschenschlange gezerrt und unter den Augen der entsetzten Wartenden von zwei dieser tollen "Ordner" gründlich verprügelt. Und zu diesen ganzen Miesheiten kam auch noch der obligatorische Zoll- und Polizeistrassensperren auf der Hinfahrt, man kennt das tolerante Verhalten bei solchen Veranstaltungen in deutsche Landen ja auch noch heute...
Nach solchen Erlebnissen und dem ersten Klogang meiner Freundin entschieden wir spontan, diese Abzockveranstaltung zu verlassen, und unser Geld lieber in die Zugfahrt nach Hause zu stecken. Der Bruder war froh uns los zu sein, und so machten wir uns umgehend auf die Socken.
Und hier fängt die eigentliche Geschichte erst an:
Nachdem wir noch bei Tageslicht per Anhalter zum Bahnhof der Doppelstadt mitgenommen wurden(von einem "
Kinder Gottes"-Funktionär, der uns während der Fahrt bekehren wollte und dafür anscheinen nur in der Nähe des Festivals auf Tramper gewartet hatte. Die "
Kinder-Gottes" waren eine Jugendsekte, die ihre weiblichen Mitglieder dazu anhielt über
Prostitution neue Mitglieder zu werben-eine ihrer Schriften hiess: "A bed can be your cross!"), erfuhren wir am Fahrkartenschalter, dass unser Zug erst in einer guten Stunde abfahren würde.
Und da fiel er uns das erste Mal auf: Ein grossgewachsener Mann im Peter
Pervers-Outfit, also mit Trenchcoat und irrem Blick stellte sich neben uns und begann meine zugegebenermassen sexy Freundin ungeniert anzustarren . Meine Freundin bekam Angst und wir beschlossen während der Wartezeit aus der Bahnhofshalle in die nahe Innenstadt zu gehen, schon um dem Blick des Fremden auszuweichen. Wir verliessen den Bahnhof, doch nach wenigen Metern merkten wir , dass uns der eklige Typ weiterhin verfolgte. je schneller wir wurde, desto schneller lief auch er, und nach kurzer Zeit rannten wir so schnell wir konnten! Nach einigen hundert Metern und mehreren Richtungsänderungen waren wir uns relativ sicher dass wir unseren Verfolger abgehängt hatten und "retteten" uns in eine Gaststätte.
Nachdem wir uns ein Getränk bestellt hatten, und gerade so richtig aufatmen konnten, sogar über das Erlebte etwas lachen konnten, stockte uns der Atem vor Schreck: Der Perverse betrat die Gaststätte und setzte sich einen Tisch weiter hin, wieder den lüsternen Blick auf uns gerichtet.
Jetzt gerieten wir richtig in Panik, und taten genau das, was ich heute jedem, der in eine solche Lage gerät, empfehlen würde: Wir wandten uns an jemand erwachsenen, in diesem Fall an die Wirtsleute. Die hatten sich auch schon über den eigenartigen Gast und sein Auf-uns-Gestarre gewundert, so brauchten wir nicht viel Ueberzeugungsarbeit um gemeinsam folgendes
auszubaldowern:
Ich zahlte, ohne dass unser Verfolger das sehen konnte, unsere Getränke und liess den Wirt ein
Taxi holen, das uns die wenigen hundert Meter zum Bahnhof fahren sollte, so dass uns der Perversling nicht einholen könnte , und die Wirtsleute versprachen uns noch zusätzlich den Mann aufzuhalten, indem sie sich beim Rechnungeinziehen bei ihm besonders viel Zeit lassen würden.
Als der Taxifahrer in die Gaststube kam um uns abzuholen verlangte unser Verfolger auch wütend-er merkte wohl dass er hier ausgetrickst werden sollte-die Rechnung, aber da sassen wir schon im Taxi!
Am Bahnhof raus aus dem Taxi, schnell duch den Bahnhof gesprintet-die Fahrkarten hatten wir ja schon- und schnell in den schon wartenden Zug! Im Zug angekommmen, setzten wir uns in einem Waggon, der abgeschlossene Sechserabteile hatte, zu einer alten Dame. Als die
Eisenbahn endlich anfuhr, atmeten wir ein zweites Mal auf.
Die alte Dame die uns gegenüber sass war sehr schweigsam, und auch wir waren- es war mittlerweile auch schon 21.30 Uhr- vom Konzert und der Verfolgungsjagd sehr müde, so dass meine Freundin sich an meine Schulter lehnte und wir ohne uns zu unterhalten vor uns hindösten.
Nach etwa zwanzig Minuten wachten wir daran auf, dass die alte Dame auf einmal in die Stille hineinrief:
"Das ist ja eine Unverschämtheit, wie dieser Mensch ins Abteil starrt!"
Und als wir uns umdrehten, um den Grund Ihres Unwillens zu sehen, wurde es uns ganz anders! Der Perverse stand vor der Glasschiebetür unseres Abteils und starrte uns wieder mit seinen kalten Augen an! Unsere Geschichte war schnell erzählt, und wir beschlossen gemeinsam mit der alten Dame uns in dieser Sache an den Schaffner zu wenden.
Als der endlich zur Fahrkartenkontrolle kam(die es damals glücklicherweise noch generell in den Zugen gab), meinte er zwar, dass er nicht viel machen könne, entschloss sich aber nach unserem verzweifelten Betteln wenigstens den Perversen von der Abteiltür wegzuweisen. Der liess sich zwar kurz Vertreiben, fand sich aber kurz danach wieder vor unserer Abteitür wieder ein,natürlich nicht ohne uns weiter anzustarren.
Als der Schaffner ein zweites Mal zu uns kam wurde ihm wohl auch die Ernstheit der Situation bewusst, und er nahm sich die Zeit, mit uns beiden(die alte Dame verliess das Abteil an der drittletzten Station) einen weiteren Plan auszuhecken, und der ging so:
Mittlerweile waren es noch 2 Stationen bis zur Endstation
Konstanz, und wir beschlossen, so zu tun, wie wenn wir in
Singen, der nächsten und damit vorletzten Station austeigen wollten, dann am Zug entlangschlendern sollten, wie wenn wir den Bahnhof verlassen würden wollen, und dass uns der Schaffner dann direkt beim Abfahrtspfiff noch schnell einsteigen lassen würde, so dass unser Verfolger nicht mehr zurück in den Zug käme.
Voraussetzung dafür wäre natürlich , dass unser Perversling auch aus dem Zug aussteigt, aber nach den zurückliegenden Erfahrungen des Abends war das so gut wie sicher!
In Singen angekommen stiegen wir aus, und siehe da: Peter Pervers auch! Wir schlenderten wie vereinbart den Zug entlang, der Verrückte einige Meter hinter uns folgend. Am ersten Waggon - wo auch schon unser Schaffner wartete-angekommen kletterten wir beim Pfiff in den Zug zurück, und zu unserer Freude klappte es: Die Türen verriegelten selbstständig am ganzen Zug und der Verrückte versuchte zwar noch unsere Türe aufzustemmen, was der Schaffner und ich aber mit vereinten Kräften verhindern konnten!
An dieser Stelle möchte ich dem Schaffner-sollte er das hier Lesen-herzlichst danken. Sie haben Courage bewiesen!
Wir fielen dann übrigens um 4.30 morgens in die Federn, nachdem ein Taxifahrer , der uns eigentlich versprochen hatte, uns für unsere letzten 25 DM nach Hause zu fahren, dann aber trotzdem seine Uhr angestellt hatte, um uns pünktlich nach Ablauf von 25 DM auf dem
Taxameter mitten auf der Landstrasse-ungefähr 3 Kilometer von unserem Heimatort entfernt-einfach rausgeschmissen hatte, obwohl er unsere Geschichte erfahren hatte und genau wusste, wie erschöpft wir waren. Irgendwie hatten wir während der Fahrt auch das Gefühl, das er selbst auch gene mal bei meiner Freundin "Hand angelegt" hätte, und da das nicht lief, verschlechterte sich seine Laune zunehmend und gipfelte dann im Rausschmiss. Vielen Dank nochmal- Gott vergelts Ihnen Herr Taxifahrer!
Toll war übrigens noch, dass ich sturmfreie Bude daheim hatte , und meine Freundin und ich das erste Mal zusammen aufwachen durften, nachdem wir eine(wenn auch kurze) Nacht miteinander verbracht hatten. So hatte unsere unheimliche Reise doch noch einen schönen Ausklang gefunden!